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Kalkutta – Die Unergründliche

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Kalkutta - Keine Stadt der Welt hat einen schlechteren Ruf

Kalkutta verstört seine Besucher und zieht sie dennoch in den Bann. Die Stadt ist voller Widersprüche, und unser Kalkutta-Besuch war sicher mit Abstand eine der intensivsten Erfahrungen, die wir als Reisende gemacht haben. Diese Stadt schafft einen, mit ihrem Lärm, ihrem Dreck und Gestank. Mit ihren allgegenwärtigen Krähen, die von jedem kalkgelöschten Müllhaufen zu krächzen scheinen. Kalkutta schmilzt in der Sonne wie Eis. Auf der Straße sind nur die unterwegs, die offensichtlich keine andere Wahl haben. Das Leben ist auf dem Gehsteig ausgebreitet.

Der Hooglyh Fluss ist ein Nebenfluss des Ganges (Kalkutta liegt also nicht am Ganges), daher heiliges Wasser für die Hindus, die sich darin waschen, Zähne putzen und mehr. Das Wasser sieht schlammig aus und wir Europäer würden uns sicher bei der ersten Berührung mit allen Krankheiten der Erde infizieren.


„Sicher, Kalkutta ist keine schöne Stadt. Doch sie ist aufregend und absolut einmalig.”

Mit ihrer tropischen Schwüle, die einem die Kleider am Körper kleben lässt. Mit ihren Menschenmassen und dem Geschubse und Gedränge, in dem man so lange vorangestrudelt wird, bis man keinen blassen Schimmer mehr hat, wo man eigentlich gelandet ist.

Menschen, Menschen … fünfzehn Millionen sollen in dieser Stadt leben. Vor ein paar Jahren hat sie ihren Namen in Kolkata geändert, ein Begriff, der sich nur langsam durchzusetzen scheint. Als Calcutta war sie bis 1911 die Hauptstadt von Britisch-Indien, eine glanzvolle Metropole, multikulturell, ein Magnet für Abenteurer und Glücksritter aus Arabien, Asien und Europa.

 

"Kalkutta ist vielleicht das einzige funktionierende Chaos dieser Welt, weil das Chaos hier keinen Anfang und kein Ende nimmt. Alles ist im Fluss, alles ein ewiger Kreislauf."

Günter Grass wollte die Stadt sogar aus den Reiseführern streichen lassen: als er 1987 für ein paar Monate kam, löste sein Ausspruch "Warum nicht ein Gedicht über einen Haufen Scheiße schreiben, wie Gott ihn fallen ließ und Kal­kutta nannte …" einen Sturm der Entrüstung aus, in Indien wie in Deutschland.

Wir stehen auf, als es noch dunkel ist. Unser Ziel ist der Blumenmarkt. Klingt romantisch, der Weg dorthin führt uns allerdings bei den Ärmsten der Armen Kalkuttas vorbei. Hier wird einem bewusst, wie gut es uns in Europa geht. Etwas Reis, einen trockenen Schlafplatz, darum kämpft man hier täglich. Am Blumenmarkt angekommen ist alles farbenprächtig. Hier werden lange Blumengirlanden für Hindu Götter verkauft.


 

Auf der 750 Meter langen Howrah Brücke, die über den Hooglyh Fluß führt, will mich ein Polizist festnehmen, weil ich verbotener Weise fotografiert habe: das Titelbild. Trotz Verbot konnte ich einfach nicht anders.

„Alle Versuche, diese Stadt in ein paar Tagen zu begreifen, sind hoffnungslos zum Scheitern verurteilt.”

Ein solches Vorhaben gestaltet sich in etwa so, als müsse man die Welt auf die Größe eines Hühnereies schrumpfen: "Wer diese Stadt verstehen will, muss als erstes in ihr schwarzes Herz blicken." Es schlägt im Tempel der Kali. Die schwarze Schutzpatronin gab der Stadt einst ihren Namen. Kali bedeutet die Schwarze und Kalikata hieß die erste Siedlung des späteren Kalkuttas.

Die schwarze Göttin ging der Legende zufolge gerne nachts auf Dämonenjagd. Da konnte sie ungesehen Bösewichter enthaupten und so die Seelen der Menschen retten, heißt es. Im Blutrausch hätte sie eines Nachts beinah auch ihren Mann geköpft, und als sie den Irrtum im letzten Augenblick erkannte, zeigte sie vor Scham die Zunge. Aus Zorn, würden wir wohl vermuten.

Nur, mit Vermutungen liegt man in Indien oft verkehrt. Hindus verehren Kali als die Zerstörerin, weil sie zugleich auch dafür sorgt, dass Neues entstehen kann. "Unsere verrückte Mutter", sagt ein Gebet, "die nimmt und gibt, gibt und nimmt".

 

Kalis Tempel ist eine der heiligsten Pilgerstätten der Hindus

Von außen eher unspektakulär, ist er täglich Anlaufstelle für Menschenmassen, die in sengender Hitze mehrere Stunden darauf warten, die mehrarmige Schreckensfigur mit blutrünstig gebleckter Zunge und einer Halskette aus abgeschlagenen Köpfen zu verehren. Ganz in der Nähe des Kali Tempels befindet sich das Haus von Mutter Theresa, Kalkuttas berühmteste Bürgerin. Sie starb 1997, aber ihre barmherzige Arbeit wird weiterhin ausgeführt. Uns wird sogar einen Blick in Mutter Teresas Sterbehaus angeboten. Wir lehnen dankend ab. Wir empfinden dieses Eindringen als etwas Voyeurhaftes und bleiben im Bus zurück.

 
 

Vieles bleibt rätselhaft

Selbst wenn das Flehen dieses Mal geholfen und man die Stadt unversehrt wieder verlassen hat, bleibt einem vieles rätselhaft. Dabei ist es wahrlich keine Schande, Kalkutta nicht gleich beim ersten Besuch durchschaut zu haben - ganz im Gegenteil. Wer Kalkutta verstehen will, muss wahrscheinlich einfach wiederkommen. Schließlich gibt es keinen Grund, an der Unergründlichen zu verzweifeln.

Selbst wenn einen an jeder Straßenecke die Probleme der ganzen Welt erwarten. Wie man das ertragen kann? Man wird nicht etwa gleichgültiger gegenüber all dem Leid, man lernt nur die eigenen Fehlschläge leichter zu ertragen.

Auch wenn man dabei wohl nie die Gelassenheit eines Hindu hinbekommen wird. Für Hindus ist das Leben wie eine Taxifahrt: einsteigen, aussteigen, umsteigen und im nächsten Leben auf eine Verbesserung hoffen.

Unsere Reise nach Kalkutta fand im November 2008 statt als Teil einer Trekking Tour in den indischen Himalaya.